Geht das Sekundenzählen weiter?
- Friday, 26. October 2007 @ 10:24
Vor zwei Monaten übergab die Gewerkschaft vida eine mit über 5000 Unterschriften erfolgreiche Petition an die Wiener Stadträtin für Gesundheit und Soziales, Sonja Wehsely, mit dem Ziel, dass die ¼-Stunden-Einsätze in der mobilen Betreuung (Heimhilfe) abgeschafft werden. Nur eine Korrektur in der Geschäftspraxis des Fonds Sozialen Wiens (FSW), der in Wien für die Vergabe von geförderten Heimhilfestunden an Anbieterorganisationen zuständig ist, zeichnet sich noch nicht ab. Nach wie vor werden Organisationen, die häusliche Pflege und Betreuung anbieten, vom FSW damit beauftragt, in einer Viertelstunde folgende Tätigkeiten zu verrichten: Essen richten, an die Medikamente erinnern und die Einnahme überwachen, Unterstützung bei der Körperpflege und beim Umziehen (Inkontinenzversorgung) leisten. Hinzukommt, dass jeder Einsatz innerhalb der Betreuungszeit auch entsprechend dokumentiert werden muss. Die Klagen von KlientInnen, dass Heimhilfen nur mehr zum Schreiben kommen, sind damit vorprogrammiert. Und in der Tat, die Gesprächsführung, die bei jedem Einsatz stattfinden sollte, reduziert sich vielfach auf den Satz: „Ich habe leider keine Zeit.“ Die wichtige Bezugspflege, die ja vorwiegend von Heimhilfen geleistet wird, bleibt dabei auf der Strecke. Zwangsläufig.
Dass die Betreuungsqualität bei derartigen Kurzeinsätzen leidet, liegt auf der Hand. Der Grund, warum reduzierte Betreuungsqualität in Kauf genommen wird, ist ebenso offenkundig: Es geht ums Geld.
Der FSW fördert in Wien die von KlientInnen in Anspruch genommene mobile Betreuung und Pflege. In Abhängigkeit der Höhe des Einkommens haben die Betreuten unterschiedliche Stundensätze zu bezahlen, wobei selbst sogenannte Vollzahler beim FSW deutlich weniger zu bezahlen haben als die Wohlfahrtsorganisationen dem FSW für ihre Dienste in Rechnung stellen. Die Differenz zahlt die öffentliche Hand. Die Stundentarife beim FSW sind fix. Es gibt also keine Abend- und Wochenendzuschläge. Die Organisationen, die vom FSW mit der Durchführung der Pflege beauftragt werden, verrechnen aber selbstverständlich Zuschläge.
Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass der FSW gerade bei Abendeinsätzen bemüht ist, die Einsatzdauer zu minimieren und den ¼-Stunden-Einsatz immer häufiger in Auftrag gibt. Es ist nachvollziehbar, akzeptabel ist es nicht! Weder für die KlientInnen noch für die Beschäftigten.
Die überwiegende Mehrheit jener, die nur eine ¼-Stunde Betreuungszeit (plus einer ¼-Stunde Wegzeit) abends gefördert erhalten, können sich keine Betreuung privat hinzu kaufen. Sie müssen sich mit einer Betreuungssituation am Abend abfinden, die ihnen ganz deutlich signalisiert, dass man für sie keine Zeit hat.
Die Kurzeinsätze sind auch für die Heimhilfen unzumutbar, verdichten ihre Arbeit zu Lasten ihrer Gesundheit. Heimhilfen leisten ohnehin schon körperliche und emotionale Schwerstarbeit, sind schlecht entlohnt und haben wenig Anerkennung. Nicht selten geben ihre Dienstgeber die durch den FSW vorgegebene Zeitknappheit an sie weiter. Überziehen sie die Einsatzdauer, dann geht das zu Lasten der Wegzeit, die nicht von allen Organisationen voll bezahlt wird. Für zusätzliche Wegzeiten gibt es bei einigen Vereinen zu niedrig angesetzte Pauschalen, andere Vereine gelten sie überhaupt nicht ab, auch wenn die Touren schlecht geplant, die Wege weit sind.
Kurzum: Der Zeitdruck zu Lasten der Heimhilfen und KlientInnen muss ein Ende haben. Stadträtin Sonja Wehsely ist aufgefordert zu handeln. Die Betreuungszeiten müssen – ungeachtet der Mehrkosten – auf den notwendigen Aufgabenumfang abgestimmt werden.
Ein totales Verbot der ¼-Stunden-Einsätze, wie von der Gewerkschaft vida gefordert, befürwortet die KPÖ-Wien allerdings nicht, da es durchaus Betreuungssituationen gibt (Beispiel: nur Zimmer-WC entleeren), die nicht mehr Zeit benötigen.



