Linke und Sicherheit, Zukunftsprojekt und Paradigmenwechsel
- Thursday, 14. September 2006 @ 14:23
„Auf der Nachbarstiege ist die alte Frau X bei einem Raubüberfall niedergeschlagen worden. Sie ist dann im Spital an den Folgen gestorben! Kein Mensch spricht mehr davon!“
„Meine betagte Tante ist schon das zweite mal am hellichten Tag von Unbekannten in den Hausflur gedrängt worden, offenbar in krimineller Absicht. Daß ihr nichts passiert ist, ist nur ein paar glücklichen Umständen zu verdanken“.....
Ein Diskussionsbeitrag von Wolfgang Brenn (KPÖ-Mitglied in Wien V) Die gegenwärtige politische und gesellschaftliche Situation ist durch eine zunehmende Unsicherheit geprägt:
Sicherheit aus einer gesamtgesellschaftlichen Sicht:
Soziale Sicherheit, Ökologie, Kriminalität
Zunahme der Unsicherheit in allen drei Bereichen
Dies betrifft Sicherheit im engeren Sinn: Zunahme der Kriminalität in Bezug auf Häufigkeit und Schwere der Delikte, vermehrtes Fußfassen der organisierten Kriminalität. Insbesondere letzteres wird auch in Fachpuplikationen der Polizei mit höchster Sorge beschrieben, in dem Sinn nämlich, daß der Verstrickung der organisierten Kriminalität mit Politik und Wirtschaft mit den herkömmlichen Mitteln kaum mehr beizukommen sei.....
Und es betrifft Sicherheit im weiteren Sinn, wenn man dazu die soziale Sicherheit, bzw. die Sicherheit vor Naturkatastrophen in die Betrachtung mit einbezieht. Diese Sicherheit erscheint in einem historisch ungeahntem Ausmaß bedroht. Mehr als in den vergangenen Jahrzehnten haben die Menschen Angst vor Arbeitslosigkeit, Lohnverlust, Lohndruck, Bedrohung der Altersvorsorge und der Sicherheit einer ausreichenden medizinischen Versorgung (Klassenmedizin).
....... Schuld der Konservativen, Rechten und Neoliberalen
wieso konnten Linke bisher nicht „punkten“
An dieser Bedrohung der sozialen Sicherheit ist ohne Zweifel das Wirken der konservativ- Neoliberalen Kräfte schuld. Eine Studie******* ergab, daß in Ländern, die mit konservativ/neoliberalen Prinzipien regiert werden, die Kinder- und Alterssterblichkeit signifikant erhöht ist. In vielen gesellschaftlichen Prozessen, (Entwicklungen der politischen Meinungsbildung, Wahlen), verloren dennoch die politischen Linkskräfte immer wieder an Boden ,- wenn man von den jüngsten Entwicklungen in Deutschland absieht, bzw. bleiben jedenfalls hinter den erhofften Erwartungen zurück – aufgrund der „Liste der Grausamkeiten“ die man den Konservativen anlasten kann, müßte eine Linkswende doch deutlicher ausfallen, - sollte man meinen. Man kann die Ursache dafür natürlich in einer Spätwirkung oder noch immer anhaltenden Reaktion auf die Fehlentwicklungen im ehem. Realsozialismus sehen; - oder in den subtilen Vorherrschaftsmechanismen der bürgerlichen Welt in den Medien, und natürlich in den psychischen Verinnerlichungsmechanismen, die die jeweils herrschende Gesellschaftsform bei einem Großteil ihrer Mitglieder hervorbringt (Introjektion; „kulturelle Hegemonie“..) Man sollte dabei aber nicht übersehen, daß es noch andere Gründe gibt, die man dafür geltend machen kann, daß die Linke nicht in genügendem Ausmaß an Boden gewinnt. Nicht unwesentlich ist in diesem Zusammenhang, daß die Linke nicht glaubhaft machen konnte, daß sie auf eine konstruktive Weise mit Problemen der Sicherheit im engeren Sinn/ - dh. also Schutz der Bevölkerung vor Gewalt, Sicherstellung einer öffentlichen Ordnung, die das Leben von Sicherheitsfragen im wesentlichen unbeschwert erscheinen läßt, umgehen kann. Ja im Gegenteil, oft entstand bei der Bevölkerung der Eindruck, daß es gerade linke Kräfte sind, die durch einen laxen Umgang in Sicherheitsfragen, für den Rückgang der Sicherheit verantwortlich sind, - und dies vor allem bei der weniger begüterten Bevölkerung. (Hintergründe, wieso es dazu kam, wird im Abschnitt „mein spezieller Zugang zu Sicherheits- fragen“ behandelt. (Siehe weiter unten:). Noch genaueres findet sich im Text „Erläuterungen zum Sicherheitskonzept“.
Diese kann sich ja auch einen persönlichen Schutz nicht in diesem Sinn privat organisieren, wie das die „oberen Zehntausend“ können (Villen mit Alarmanlagen, Bodyguards, Kinder werden vom Privatchauffeur od. zumindest von einem Elternteil von der Schule abgeholt, weil das Familieneinkommen genügend „Freiraum“ bietet; Zugang zu rechtlicher Unterstützung – eigene Rechtsanwälte). Man könnte hier analog zur „Klassenmedizin“, von einer „Klassensicherheit“ sprechen.
Einzelne Aspekte:
Verbrechensbekämpfung:
Der Kampf gegen Menschenhandel (Mädchenhandel) und Zwangsprostitution muß – so meine Sicht – auch von Linken und KommunistInnen mit aller Härte, Entschlossenheit und Ausdauer befürwortet werden. In Tageszeitungen wird von 500 000 Opfern europaweit berichtet, die gegen ihren Willen zur Zwangsprostitution gezwungen werden. Diese Horrorzahlen (selbst wenn nur ein Bruchteil stimmt, ist es ein grenzenloser Skandal) sind ein Beweis für das Zerbrechen minimaler Sicherheitsstandards, das mit dem Hereinbrechen und Überfluten durch das kapitalistischen Systems in die Länder Osteuropas einherging, und nun in die übrigen Länder Europas ausstrahlt und dort zu einem massiven Fußfassen des organisierten Verbrechens führt.
Kinderprostitution und Kinderpornographie müssen ebenfalls auf das Härteste bekämpft und niedergeworfen werden, sowie die einschlägigen kriminellen organisatorischen Strukturen zerstört werden. Jedwede Laxheit auf diesem Gebiet, wie sie gelegentlich aus pseudolinken Stellungnahmen spricht - z.B. durch Äußerungen wie, „Der Ruf nach hartem Kampf gegen Kindesmißbrauch entspricht einer “) stellt eine politisch-pseudo- fortschrittliche Irrmeinung dar. Vor allem wird dadurch, wenn auch ungewollt, die Sicherheit unserer Kinder gefährdet und untergraben, bzw. werden jene, die schon Opfer geworden sind, in ihrer Menschenwürde verraten. Daneben bewirkt diese sektiererische Äußerung, daß sie einen Teil der Bevölkerung ins rechte Lager treibt (ungewollt konterrevolutionäre Auswirkung). In diesem Zusammenhang sehe ich mit Betroffenheit, daß in der Vergangenheit falsch ver- standenes bzw. pseudofortschrittliches Gedankengut dazu geführt hat, daß psychopathische Triebtäter trotz einschlägiger massiver Vordelikte frühzeitig entlassen wurden, oder Verfolgungsmaßnahmen frühzeitig eingestellt wurden. Soziologische Studien, wie auch z.B. der Fall Detreux in Belgien oder der große Kindesmißbrauchsfall in Portugal, zeigen die Verflechtung und nahe Verbundenheit eines Teils der wirtschaftlich und politisch Mächtigen in unserer Gesellschaftsstruktur mit dieser Art von Delikten. Sadistische Perversionen, kommen offenbar in hohem Ausmaß in diesen Kreisen vor; Auf Grund ihres Einflusses können sich diese Täter immer wieder der Verfolgung entziehen oder diese vereiteln und korrumpieren die Gesellschaft. Daneben ergibt sich ein – wenn auch ungeplantes – Zusammenspiel aus pseudofortschrittlichen Fehlhaltungen und der Bestialität dieser Deliktsform, die sich durch die großbürgerlichen Einflußmöglichkeiten bisher weniger angreifbarer gemacht hat. Deshalb meine ich, daß es Aufgabe ist, diese dunklen Zusammenhänge in unserem Gesellschaftssystem aufzuzeigen und für die Opfer und potentiellen Opfer Sicherheit bzw. strafrechtliche Genugtuung zu erwirken.
Auch gilt es, so meine Meinung, einen entschlossenen Kampf gegen den Drogenhandel zu führen. In diesem Zusammenhang sollten Linke sich natürlich entschieden gegen eine pauschale Verdächtigung von z.B. Schwarzafrikanern, ("die sind ja alle Dealer“) wenden. Umgekehrt distanziere ich mich von einer pseudolinken Fehlhaltung, die da glaubt, man müsse den Drogenhandel verharmlosen oder die häufige Eingebundenheit von Ausländern möglichst nicht zu erwähnen, um keine ausländerfeindlichen Einstellungen zu schüren. Hier wären soziologische Erklärungen am Platz, um zu zeigen, auf welche Weise die betreffenden Ausländergruppen leicht in die Lage kommen, hier straffällig zu werden. Verschweigen, gesellschaftspolitisches Vorbeischauen u. Verharmlosung sind aber nicht die richtigen Mittel, um Humanität zu erreichen.
Die Wirtschaftskriminalität erfordert wesentlich mehr Aufmerksamkeit. Zum einen ist dieser Kriminalitätszweig für sich allein eine große Beeinträchtigung unseres wirtschaftlichen Wohlergehens; zum anderen ergibt sich durch die teilweise Verfilzung mit der organisierten Kriminalität eine Potenzierung der Gefahr. Die damit befaßten Beamten mußten bisher mit sehr bescheidenen personellen und materiellen Mitteln auskommen. Hier gilt es für eine massive Aufstockung der Mittel einzutreten.
Die Mittel für den Opferschutz-/therapie waren ebenfalls bisher bescheiden. Auch hier ist eine Neuorientierung in Form materieller und psychologischer Zuwendung notwendig.
Die Mittel für Wiederintegration von Straftätern in die Gesellschaft sollten auch gesteigert werden. Während , wie in diesem Text mehrfach kritisiert, die Verfolgung und Bestrafung gerade auch von schwereren Verbrechen oft sträflich lax gehandhabt wird, liegt die Wiedereingliederung, die therapeutische Betreuung von Straftätern, die aufgrund ihrer charakterlichen Struktur eine durchaus gute Prognose zur Wiedereingliederung hätten, auf Grund zu geringer finanzieller bzw. personeller Mitteln im Argen.
Gesamtgesellschaftliches Klima/ Erziehung
Gegen mißverstandene antiautoritäre Erziehung. Diese an und für sich lobenswerte Neu- Orientierung seit den 60er Jahren gegen Autoritätshörigheit, unkritisches Denken und Unterwerfungssucht wurde leider oft mit einer Pädagogik des Gewährenlassens und der Nichteinmischung verwechselt. Dadurch wurde ihr Grundprinzip gegen sich selbst gewendet: Statt Solidarität und Mitmenschlichkeit ergeben und ergaben sich Egoismus und Rücksichtslosigkeit. In der Folge ergaben sich nicht zu unterschätzende Wirkungen auf das gesellschaftliche Klima. Es gilt, so meine Meinung, für eine Rück- und damit Neubesinnung im Sinne einer Korrektur der oft falsch angewendeten Praxis und der falsch vertretenen Theorie einzutreten.
Mein Zugang zu Sicherheitsfragen:
Sicherheit muß als allumfassender ganzheitlicher Wert betrachtet werden.
Sicherheit bedeutet nicht nur Sicherheit vor Aggression von außen oder Sicherheit vor Kriminalität, sondern auch Sicherheit vor sozialem Unrecht, (Verarmung, Sozialabbau, Gefährdung der Gesundheits- und Altersvorsorge; Schutz der Persönlichen Würde, Schutz vor Demütigung im Arbeitsbereich - ) und Ökologische Sicherheit (Sicherheit vor Umweltzerstörung).
Aus dieser Sichtweise heraus betone ich zwei Hauptpfeiler:
1.Pfeiler:
(Genauere Erklärungen dazu siehe unter „Erläuterungen“ )
- Wachsamkeit, daß staatliche Sicherheitsapparate nicht für eine rechtslastige Politik mißbraucht werden (Exekutive soll nicht ein bürgerliches Repressionsinstrument gegen die Interessen der arbeitenden Bevölkerung sein. Dies mag bei uns gegenwärtig nicht besonders aktuell erscheinen, - mit einem Blick darauf, was weltweit geschieht, jedoch schon. - Abgrenzung gegenüber einer politisch - rechten „Law and Order“- Haltung, die mit „harter Hand“ gegen die Außenseiter der Gesellschaft vorgehen will, dabei aber den Sicherheits- abbau durch eine unsoziale Wirtschafts – und Gesellschaftspolitik übersieht und unbewußte Wut über diese gesellschaftlichen Mißstände auf die Außenseiter projiziert (Sündenbockfunktion). Sie übersehen z.B., daß durch Sozialabbau viele Menschen existentiell viel mehr bedroht sind, als etwa durch Taschendiebe.
2.Pfeiler:
(Genaueres siehe auch unter „Erläuterungen“)
Abgrenzung gegen eine vulgärmarxistisch, linkspupertäre, vereinfachte Sicht, die z.B. Exekutivbeamte prinzipiell nur als rechtslastige „Bullen“ betrachtet.
Die Abgrenzung gegenüber der „Law and Order“-Haltung darf nicht dazu führen, daß das „Kind mit dem Bad ausgeschüttet wird“. Dh.: „Law and Order“ (Gesetz und Ordnung) sind nicht an und für sich schlecht. Die „Law and Order“- Haltung als solche ist nur insofern problematisch, weil sie soziales Unrecht – wie oben geschildert- übersieht, Wut- und Haßgefühle schürt, und diese seelische Energie für die Lösung gesellschaftlicher Probleme fehlgeleitet wird, auf Sündenböcke abwälzt und letztlich zu einer Eskalation der gesamten Lage führen kann.
Der Kampf gegen die Kriminalität ist aber nichtsdestotrotz aus meiner Sicht mit der entsprechenden Entschlossenheit zu führen. Insoferne grenze ich mich auch von einer falsch verstandenen, pseudolinken „Anti-Law and Order- Haltung“ ab. Dies alleine schon deshalb, weil es Kernelement linker Gesinnung ist, den Schwächeren zu helfen (Opferschutz). Die Wiederintegration von Tätern in die Gesellschaft - insbesondere bei geringfügigeren Delikten, die Berücksichtigung prekärer Familienverhältnisse, widerspricht diesem Grundsatz nicht.
Ich meine, daß gerade wir Kommunisten uns bewußt sein sollen, daß insbesondere die weniger wohlhabende Bevölkerung von einem Absinken der Sicherheitsstandards in ihren Lebensbedingungen stärker betroffen ist als der reiche Teil. (Siehe auch Einleitung).
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Erläuterungen zum Sicherheitskonzept:
a) „Wem gehört die Polizei ?“
Aus der Sicht von Marxisten und auch aus gesellschaftskritisch soziologischer Sicht, ist es so, daß jeder Staat in der Menschheitsgeschichte so beschaffen war, daß er die Interessen der herrschenden Gesellschaftklasse schützte. (Sklavenhaltergesellschaften schützten Sklavenhalter vor Sklavenaufständen, der Feudalstaat schütze die adeligen Feudalherren vor Bauern- bzw. Volksaufständen, der bürgerlich-kapitalistische Staat schützt das Verfügungs/besitzrecht der Produktionsmittelbesitzer gegenüber Versuchen ihnen dieses Recht streitig zu machen, u. U. auch schon davor, dieses Recht theoretisch zu hinterfragen, oder eine Gegengewicht gegen diesen Machtüberhang der Kapitalisten zu erlangen. In Staaten mit bürgerlich-kapitalistischer Ordnung kam und kommt es - weltweit gesehen – immer wieder zu Einsätzen der „Sicherheitskräfte“ gegen streikende Arbeiter u. ähnl. In III-Welt Regionen ist es in diesem Zusammenhang zu ungezählten Morden an Gewerkschaftern, Bauernvertretern gekommen, ganze Ortschaften wurden massakriert – oft im geheimen Interesse von internationalen Konzernen. Daß die staatlichen Sicherheitskräfte die bürgerlich-kapitalistische Rechtsordnung schützen müssen, solange die Mehrheit der Bevölkerung dieser Rechtsordnung zustimmt, ist den Sicherheitapparaten nicht direkt vorzuwerfen. Es ist aber klar, daß für Linke/Kommunisten weiterhin u.a. als politische Aufgabe steht, daß die Sicherheits-Kräfte nicht vollends von den bürgerlich-neoliberalen Kräften für sich vereinnahmt und zu „ihrem“ Sicherheitsapparat (Repressionsapparat) machen. Die Polizei muß auch „unsere“ Polizei sein....
b) Erläuterung zur „Law and Order“- Problematik
Der Begriff „Law and Order“ ist im Zusammenhang mit Forschungsarbeiten zur Entstehung des faschismusanfälligen Charakters zu sehen. Einer der maßgeblichsten Wissenschafler auf diesem Gebiet, T.W. Adorno, beschreibt in seinem Werk „Der autoritäre Charakter“, 1950) die wesentlichen Elemente der faschismus- anfälligen Charakterstruktur. Eines der Teilsymptome ist die Neigung der faschismusanfälligen Personen, nach Mitmenschen Ausschau zu halten, die konventionelle Normen und Werte mißachten , um diese dann streng bestrafen oder ausgrenzen zu wollen. Dieses Merkmal kann als „Law and Order“-Haltung bezeichnet werden. Dieses Merkmal ist aber nur dann als reaktionär, rechtslastig oder gar als Merkmal für Faschismusanfälligkeit anzusprechen, wenn es kombiniert ist mit folgenden anderen Merkmalen: a)der Blindheit gegenüber dem Unheil, bzw. der Unsicherheit, die durch die bürgerlich kapitalistische bzw. neoliberale Gesellschaftsordnung entstehen: Krasser werdendes arm-reich Gefälle, existentielle Bedrohung durch Sozialabbau, Arbeitslosigkeit, Lohn- druck....Der klassische Law and Order –Typ wird dies nicht oder nur verzerrt wahrhaben wollen. b)Projektion: Die eigenen nicht-bewußten Wutgefühle gegen die erwähnten Mißstände bzw. gegen das soziale Unrecht, sowie der unterdrückte Zorn gegen am eigenen Leib erlebte Unterdrückung im kapitalisischen oben-unten Schema wird nicht gegen die Verursacher (also die privilegierten und sozioökonomisch Mächtigen) gerichtet, sondern verdrängt, verschoben und auf weniger privilegierte Personen gerichtet, die sich durch ihre Eigenschaft als Außenseiter der Gesellschaft hiefür besonders als Zielscheibe anbieten. In zweiter Linie nehmen „Linke“ diese Position als Zielscheibe und Sündenböcke ein, weil sie etwas kritisieren, was der Law and order-Typ unbewußt ebenfalls angreift, sich bewußt aber nicht anzugreifen wagt. Diese psychodynamischen Vorgänge kann man mit dem tiefenpsychologischen Begriff Projektion benennen.
Nur wenn letztere Merkmale gegeben sind, dürfen wir von einer – politisch rechtslastigen oder gar faschismusanfälligen „Law and Order-Haltung“ sprechen. Wenn diese Merkmale fehlen, bzw. wenn der Ruf nach stärkerem Kampf gegen Kriminalität aus Mitgefühl, aus Angst und Sorge wegen der Opfer und bedrohten Mitmenschen erfolgt, dann darf diese Haltung keineswegs als rechtslastig bezeichnet werden. Im Gegenteil: Da das Kernelement linken politischen Denkens der Schutz der Schwächeren ist, ergibt sich daraus geradezu die Pflicht, für den nachhaltigen Schutz der Bevölkerung vor Kriminalität einzutreten – und dies nicht etwa nur in dieser theoretischen Form, wonach, man „zuerst die Gesellschaft verbessern müsse, dann werde es ohnehin kaum mehr Verbrechen geben“, - so eine immer wieder zu hörende pseudolinke Fehlhaltung - , sondern schon in der Gegenwart. (Beispiel: Herr X erzählt, daß er wahrgenommen habe, daß eine Nachbarin von ihrem Mann schwerstens bedroht wurde und in Gefahr war. Gegen erhebliche innere Widerstände habe er sich dann doch entschlossen, die Polizei zu rufen: „Und dann hob i, als Marxist, die Kiebarei holen miassen !“ Eine solche Haltung muß man eigentlich als pseudolinken, vulgärmarxistischen Kurzschluß sehen; er beruht philosophiegeschichtlich betrachtet zu einem verzerrt interpretierten Historischen Materialismus (...die herrschende Klasse schafft sich ihre Machtinstrumente....).
Zusammenfassung / Abgrenzung gegen pseudolinke Kettenreaktion:
Bedauerlicherweise kam und kommt es vor, daß Personen, die sich als fortschrittlich und links sehen, in ihrer Argumentation „das Kind mit dem Bad ausschütten“. In ihrem Eifer, bürgerliche oder eine politisch rechtsgerichtete Law and Order – Politik zu kritisieren, sprechen sie sich gegen sinnvolle Maßnahmen zur Verbrechensbekämpfung aus, oder hintertrieben diese sogar. Sie erkennen offenbar nicht die wesentlichen Merkmale einer tatsächlichen reaktionären „Law and Order“- Politik und übersehen, daß sie dadurch allen Menschen, die Opfer von Verbrechen geworden sind oder werden könnten, die Solidarität entziehen. Sie übersehen, auch, wenn sie es nicht beabsichtigen, daß sie auf diese Weise gegen das Hauptprinzip für jede/n Linke/n verstoßen, nämlich Mitmenschen vor Unterdrückung und Terrorisierung zu schützen. (Beispiel: der jüngste Aufklärungserfolg gegen Mädchenhandel beruhte auf einer Abhöraktion, also einer technischen Methode, die von einer Reihe von Pseudolinken stets kritisiert worden war). Auf diese Weise ergibt sich noch ein zusätzlicher Nachteil: Es entsteht dadurch der Eindruck, daß wir Linken die Opfer in Stich lassen. Die politische Rechte und die Konservativen stürzen sich mit Genuß auf dieses Phänomen und nützen es zumindest unterschwellig für ihre Propaganda. Bei den Wahlerfolgen von rechten Parteien haben auch weltweit gesehen (z.B. bei Bush´s Wiederwahl) diese Dinge immer wieder eine beträchtliche Rolle gespielt. Man sieht, daß diese pseudolinke Fehlhaltung einer zu großen Laxheit gegenüber der Kriminalität, - eine mißverstandene Demokratiegesinnung- sektiererhaft* wirkt; dh. es ver- baut vielen Menschen den Zugang zum Verständnis für linke Politik.
Bereich Erziehung/Pädagogik in Verbindung mit Sicherheitsfragen:
Parallelen zu den Sicherheitsfragen finden sich auch im Schul- und Erziehungswesen. Die Härte des kapitalistischen Verdrängungswettbewerbs spiegelt sich auch im Schulwesen wider. Immer mehr junge Menschen werden in diesem Spannungsfeld von Karriere-erstreben-müssen, Leistungsdruck und sich verengenden Berufsmöglichkeiten psychosomatisch krank, depressiv oder reagieren je nach Charakter bzw. familiären Vorbedingungen mit aggressiven Verhaltens- Störungen, - wodurch sich wieder die Spannungssituation für Mitschüler - und Lehrer – teufels- kreisartig erhöht. Hinzu kommt, daß ein Teil de Lehrerschaft, -ähnlich wie beim Bereich Kriminalität geschildert, sich seit der späten 68er Zeit des vorigen Jahrhunderts der antiautoritären Erziehung ver- pflichtet fühlt. Dieses an und für sich sehr gute und fortschrittliche Prinzip wurde und wird aber oft mißverstanden. Der „Erfinder“ dieser pädagogischen Richtung („A.S. Neill, Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung - das Beispiel Summerhill, Rowohlt 1969) verstand aber keineswegs einen Stil, bei dem jeder egoistisch tun und lassen könne, was er will. Vielmehr sollte eigentlich bei auftretenden Konflikten, der Störung Vorrang gegeben werden, die Sache eingehend besprochen werden bzw. unsoziale, rücksichtslose Verhaltensweisen sehr wohl als solche kritisiert und durch längere und eingehende Gesprächs- und Konfiktlösestrategien nachhaltig unterbunden werden. Auf diese Weise sollen junge Menschen erzogen werden, die zum einen nicht stur – autoritätshörig sind und zusätzlich rücksichtsvoll und solidarisch die Bedürfnisse und Rechte anderer respektieren. Neill selber verwendete übrigens nie selbst den Begriff "antiautoritäre Erziehung“, distanzierte sich auch von den Versuchen der deutschen Linken, sich auf ihn berufend, Kinder zu kommunistischen oder sozialdemokratischen Zielen hin zu erziehen. (Aktuelle website z. summerhill...). Es war u. ist also überhaupt etwas deplaziert, wenn sich die Linken immer auf ihn beriefen.
Wenn diese „richtige“ Antiautoritäre Erziehung mit einem „Laissez-faire“ – Stil (= gewähren lassen, sich nicht einmischen) verwechselt wird, in denen jeder egoistisch seinen Neigungen und Impulsen nachgibt, wird der humane Geist der antiautoritären Erziehung völlig verdreht (pervertiert), - er richtet sich gegen sich selbst. Es entsteht dieses bedrohliche Klima „jeder gegen jeden“ ; es kommt auch oft vor, daß eine kleine egoistische Clique informeller Führer gegen andere physischen od./und psychischen Terror ausübt. Das ist keine Erziehung zur Demokratie ! Auch hier ist ein Paradigmenwechsel* , eine neue – weniger mißverständliche Ausformulierung linker Zielsetzungen notwendig.
Zusammenleben der Kulturen und Sicherheit
Ähnliches gilt für das Zusammenleben von Menschen die verschiedenen Kulturen angehören. Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Religionen gehört zu den Grundprinzipien fort- schrittlicher linker Politik. Aber auch hier ist natürlich eine Werthierarchie zu beachten: Die Toleranz soll ja den Menschen- Rechten und der Humanität dienen, letztlich wieder dem Schutz der Menschen vor etwaiger Unterdrückung. Wenn in einer Kultur oder einer bestimmten Interpretationsart einer Kultur Menschenrechte eingeschränkt oder unterdrückt werden (z.B. das Recht von Menschen zu einem selbstbestimmten Liebesleben – meist sind junge Mädchen und Frauen, aber auch junge Männer betroffen. Häufig indem ihnen die Art der Anbahnung von Kontakten oder sogar der/die PartnerIn vorgeschrieben werden). In schwereren Fällen müssen die Betroffenen mit ihrer Ermordung rechnen.
Es würde dem Sinn der Menschenrechte und der Humanität kraß widersprechen, aus falsch verstandener „Toleranz“ an diesen Unmenschlichkeiten vorbeizuschauen, solche Vorgänge massiver oder auch subtiler Unterdrückung zu bagatellisieren oder fahrlässig zu relativieren. Der Eintritt für die Einhaltung der Menschenrechte sollte zudem prinzipiell nicht erst beim Erkennen schwerer Deliktsformen wie Zwangsehe und Mord erfolgen, sondern das Eintreten für die Menschenrechte im Vorfeld mit Engagement argumentativ vertreten werden. Eine gewiß schwierige Aufgabe, die viel Fingerspitzengefühl, aber auch innere Entschlossenheit und bestimmtes Eintreten für die Werte (!) der Menschlichkeit erfordert. Wenn wir diese Werte auch als solche, also als religiöse oder politisch-moralische Prinzipien vertreten, werden letztlich auch die Vertreter der problematisch interpretierten Kultur dies besser verstehen, als wenn wir den Eindruck entstehen lassen, unsere andere Kulturauffassung sei nur Laxheit, Verfall der Sitten oder eine allgemeine Prinzipienlosigkeit.
*lat. Secta „befolgter Grundsatz; Denkweise; Partei; philosophische Lehre“; zu lat. Sequi „folgen“; beeinflußt von secare „schneiden“. Also im übertragenen Sinn eine Partei, oder Gruppierung innerhalb einer Partei, die sich durch problematische Äußerungen von der Bevölkerung selbst „abschneidet“.
*Paradigma. 1 (sprachwiss.) Musterbeispiel, 2 kurze Erzählung, die in Beispielen eine moralische Lehre erläutert.



