Saturday, 16. February 2008 @ 06:24
Die Tariferhöhung bis zu 13,3 Prozent bei den Wiener Linien, die Mitte 2007 erfolgte, wurde seitens der KPÖ als skandalös bezeichnet. Die SPÖ verteidigte die aus ihrer Sicht notwendige „Tarifanpassung“ u.a. mit dem Argument, dass Intervalle verdichtet wurden. Jetzt sollen sie, wie kürzlich bekannt wurde, an den Abenden und Wochenenden verlängert werden. Die Wiener SPÖ hat mit ihrer Tarifpolitik eine Skandaltrasse gelegt. In regelmäßigen Intervallen kommt eine skandalöse Preissteigerung nach der anderen daher. Das Einfahren jeder neuen Tariferhöhung (der Einzelfahrschein der Wiener Linien wurde innerhalb von 5 Jahren um 30% teurer) wird mit einem Bimmeln an Argumenten begleitet, damit ja keiner das Gefühl bekommt, ohne Grund überfahren zu werden. Es sind Sachzwänge, die einem überrollen, keine politische Willkür. Das soll jenen klar gemacht werden, die unter die Räder einer immer teureren Stadt kommen. Zusteigen müssen ohnehin fast alle, viele tun es mit Murren, einige schenken aber auch dem Bimmeln Glauben.
Wenn nun in den Abendstunden das Bimmeln der Straßenbahn seltener zu hören sein wird, weil die Wiener Linien die Intervalle bei Bus und Bim verlängern wollen, dann steht der Skandal der Tariferhöhung erneut am Fahrplan der politischen Aufmerksamkeit und die SPÖ am Abstellgleis der politischen Glaubwürdigkeit.
Für gewöhnlich wollen politische Gruppierungen, die Skandal rufen, ihren politischen Gegner in ein schäbiges Licht rücken. Im vorliegenden Fall ist das nicht notwendig. Die Schäbigkeit trat, zwar nicht freiwillig, aber dafür voll und ganz ans Tageslicht. Ein nun bekannt gewordenes Geheimpapier, das eine deutliche Leistungskürzung wenige Monate nach der deftigen Preissteigerung vorsieht, entlarvt die Sozialdemokratie und gibt Auskunft darüber, wie lang der Intervall zwischen einer Lüge und deren Aufdeckung ist.
Von dem Lob, das die höheren Tarife akzeptabel machen sollte, namentlich, dass im Wiener Liniennetz „seit 2002 auf 28 Linien die Intervalle verdichtet wurden“, ist plötzlich nichts mehr zu hören. Die Fahrpläne sollen verdünnt werden, um mehr U-Bahnzüge einsetzen zu können, da diese stärker frequentiert sind. Und als nahezu irre Draufgabe wird versichert, dass die längeren Intervalle nicht während der EURO 2008 umgesetzt werden.
Abgesehen davon, dass alle, die öffentliche Verkehrsmittel auf Dauer täglich nutzen wollen und/oder müssen, keinen spürbaren Nutzen daraus ziehen, wenn eine Leistungskürzung für drei Wochen ausgesetzt wird, zeugen die verteidigenden Aussagen von einer bemerkenswerten Ahnungslosigkeit. Es ist absurd, ein Angebot zu verschlechtern, wenn es nicht im gewünschten Ausmaß angenommen wird. Das Gegenteil ist notwendig. Attraktiver müssen die Betriebszeiten, die Intervalle, die Tarife (Stichwort: Nulltarif!) gestaltet werden. Und selbst dann wird es noch Linien geben, die weniger rentabel sind als U-Bahnen, die aber viele Bedürfnisse und Gebiete nicht abdecken können. So bevorzugen etwa Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, häufig Busse und Straßenbahnen, weil ihnen die Strecken zwischen U-Bahnhaltestellen zu lange sind. Und letztlich, was sollen jene, die nicht entlang einer U-Bahnlinie wohnen, tun? Wieder aufs Auto umsteigen? Sich an der Haltestelle in Geduld üben, während der Geduldsfaden mit einer so verfehlten, ökologisch verwerflichen Verkehrspolitik längst gerissen ist?